30
Jahre Heimatverein Bonn-Oberkassel
e.V.
150
Jahre Bonner Portland-Zementwerk Oberkassel
150
Jahre Bonner Portland-Zementwerk Oberkassel

Von
Willy Hey
Als Gründungstag
unserer Zementfabrik wird der 12. Juni 1856 angesehen. Mit diesem
Tag er-hielt der „Bonner Bergwerks- und Hüttenverein"
die Genehmigung zur Zementherstellung. Das Werk lag auf dem Gebiet
der früheren Gemeinde Beuel. Es wurde postalisch und bahnmäßig
von Oberkassel versorgt. Das Grundkapital der neu gegründeten
Aktiengesellschaft sollte 1 Million Taler betragen. Die Gründungsaktien
sind heute bei Sammlern sehr gefragt und gut bezahlt.
Wie
kam es zur Wahl des Standortes Oberkassel? Zunächst wollte
Bleibtreu die Braunkohlen-vorkommen auf der Hardt ausnutzen, wo die
ursprüngliche Alaungewinnung und die Ziegelei bald eingestellt
wurden. Auschlaggebend war die Lage am Rhein mit seinen guten Transport-möglichkeiten.
Ihren Rohstoff erhielt die Zementfabrik aus Budenheim bei Mainz. In
sechs Schachtöfen wurde der Zement gebrannt. - Am 31.12.1871
gab Dr. Hermann Bleibtreu die Ge-schäftsführung ab. Nachfolger
waren die Direktoren Friedrich Schiffner und Adolf Hennike.
War der Konkurrenzkampf in den Anfangsjahren mit den englischen Zementherstellern
durch deren Vormachtstellung schwierig, so war es Ende des 19. Jahrhunderts
im Inland mit 20 neuen Zementwerken in Süd- und Westdeutschland.
Einen ungeahnten Aufschwung nahm die Ze-mentherstellung von 1899 bis
1932 aufgrund technischer Verbesserungen in Herstellung und Anwendung
des Zements. Um das Transportproblem zu lösen wurden vom Werk
Oberkassel sogar zwei Schleppkräne angeschafft. Seit 1902 war
Dr. Bernhard Stürz Vorsitzender des Auf-sichtsrates und Leiter
der Fabrik. Ihm zur Seite stand als technischer Leiter der spätere
Gene-raldirektor Walther Gottschalck, der Großvater unserer
Referentin.
Nach vergeblichen Versuchen des Wicking-Konzems, die Oberkasseler
Zementfabrik zu über-nehmen, kam es zu einem Freundschaftsvertrag,
später zu einer Fusionierung mit der Firma Dyckerhoff & Söhne,
die bereits über eine Sperrminorität von 25% verfügte.
Im Dritten Reich wurden alle westdeutschen Zementwerke zusammengeschlossen.
Das Werk in Oberkassel wurde umbenannt in „Bonner Portland-Zementwerk
Aktien-Gesellschaft". 1934 wur-den Dr. Kurt Ehrke und Wilhelm
Jahr zu Vorstandsmitgliedern ernannt, nachdem am 06.12.32 der Generaldirektor
Walther Gottschalck verstorben war. Ab 1933 nahm der Zementverkauf
immer mehr zu, begünstigt durch Autobahnbau, Industriebauten
und Rüstungsaufgaben (z. B Westwall).
Den Zweiten
Weltkrieg überstand das Werk verhältnismäßig
gut. Für Dr. Ehrke übernahm Hans von Lom die Führung
des Zementwerkes bis dann 1947 Dr. Rudolf Wortmann in den Vorstand
berufen wurde. Die Militärregierung hatte bereits 1946 die Genehmigung
zur Zementherstellung erteilt. Jedoch brachte die Nachkriegszeit allerlei
Schwierigkeiten mit sich. Erst nach der Wäh-rungsreform 1948
war es möglich, wieder eine ausgeglichene Betriebsstruktur zu
erreichen. Das Zementwerk hat 1964 430 Menschen beschäftigt,
die überwiegend aus dem Oberkasseler Umland und den Beueler Vororten
kamen. Gegenüber der Bevölkerung und den Vereinen zeigte
sich das Zementwerk stets hilfsbereit.
Ende des Jahres 1987 zwangen die wirtschaftlichen Verhältnisse
die Dykerhoff AG, den Betrieb einzustellen. 1988 wurden die Abbrucharbeiten
begonnen. Alles fiel der Spitzhacke zum Opfer bis auf das Verwaltungsgebäude,
die Direktorenvilla, die Rohmühle und den Wasserturm. Die genannten
Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt. Zur weiteren Nutzung
des großen Fabrikgeländes wurden viele Pläne erarbeitet.
Zur Zeit sieht man bei einem Besuch, daß sich in großen
Glaskästen viele Firmen niedergelassen haben, darunter z. B.
die GWI (Gesellschaft für Wirtschaftsforschung und Informatik).
In der Rohmühle befindet sich ein Restaurant mit Cafe und Bar
mit Blick auf das „Hermann Bleibtreu-Ufer" über der
ehemaligen Kaianlage. Lediglich der frühere Wasserturm hat noch
keine neue Verwendung gefunden.
Eine gute Übersicht über die Geschichte des Zementwerkes
geben die Jubiläumsschriften zum 50. und 100. Geburtstag, die
beim Heimatverein Oberkassel eingesehen werden können.
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Streit
um Zementfabrik? Aber nicht doch!
Schaufenster
vom 10.08.2005
Ramersdorf
oder Oberkassel - Das ist hier die Frage. Nachdem wir in
einem Artikel geschrieben hatten, dass die ehemalige Zementfabrik
in Oberkassel lag, meldeten sich einige Ramersdorfer Bürger zu
Wort und gaben an, das das Gebiet, auf dem die Zementfabrik lag, eben
zu Ramersdorf und nicht zu Oberkassel gehört. Hier folgt nun
eine Einlassung des Heimatvereins Oberkassel. "Zu dem Artikel
"Die Zementfabrik im Jahr 1927" muss natürlich auch
der Heimatverein Oberkassel sachdienliches, aber nicht ganz ernst
gemeintes beitragen.
Da haben wir ihn wieder, den wunderbaren Streit, ob die Zementfabrik
nun nach Ramersdorf oder nach Oberkassel gehörte. Landvermesser
mögen pingelig darauf bestehen, dass der Ankerbach südlich
der Zementfabrik die Grenze zwischen den Ortschaften war.
Fakt
ist jedenfalls, dass die Gesellschaft höchstselbst auf ihren
Aktien dokumentierte:
"Zementfabrik b. Oberkassel (Siegkreis)". Auch die Post
ging an das "Zementwerk, Oberkassel / Siegkrs." Und ich
biete eine alte Aktie der Firma als Wetteinsatz, dass auf der Rückseite
der im Schaufenster abgebildeten Ansichtskarte ebenfalls "Oberkassel"
zu lesen ist.
Oberkassel
im Siegkreis, das "Rhein" hatte man sich damals einfach
gespart, wird als Sitz der Zementfabrik angebeben, sowohl auf der
Aktie als auch als Anschrift auf einem Brief, sogar eingeschrieben,
der sein Ziel er-reichte. Doch sollte man die Frage "Ramersdorf
oder Oberkassel" im Zeichen einer gemeinsamen Zukunft nicht überbewerten.
Dafür bekam Oberkassel, und nicht Ramersdorf, auch den Dreck
aus den Schornsteinen des Werkes ab!
Und um
noch eins draufzusetzen: Vor 100 Jahren hatte die Eisenbahn-Fähre
zwischen Zementfabrik und Südbrücke ihre rechtsrheinische
Anlegestelle, also eindeutig auf Ramersdorfer Gebiet; aber trotzdem
führte sie den Namen "Traject Bonn - Obercassel".
Wie gesagt, ein identitätsstiftender Juckepunkt, über den
sich trefflich durch die Instanzen streiten ließe - wenn nicht
Ramersdorf und Oberkassel seit nunmehr 35 Jahren gemeinsam zur Stadt
Bonn und zu demselben Stadtbezirk gehören würden.
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Die
Zementfabrik im Jahr 1927
Schaufenster
vom 03.08.2005
Heute
steht nur noch die Rohmühle und der Wasserturm. Da schrieben
wir doch neulich im Zusamenhang mit einer Ausstellung von "der
Zementfabrik am Oberkasseler Rheinufer". Nun ja, von einigen
Seiten sind wir daraufhin angesprochen und angeschrieben worden, dass
das Fabrikgelände am Ramersdorfer Rheinufer liegt und stets zur
Stadt bzw. Gemeinde Beuel gehörte. Dies nehmen wir nun gerne
zum Anlaß, obiges Foto abzudrucken, die Reprographie eine Karte,
die zum Archiv von Rudolf Schneider gehört und bereits im Bildband
"Beuel am Rhein im Spiegel alter Ansichtskarten" von Rudolf
Schneider veröffentlicht wurde.

Diese Ansichtskarte eines Berliner Verlages, so schreibt Rudolf Schneider,
"zeigt uns in einer Luftaufnahme aus dem Jahre 1927 die Zementfabrik
der Bonner Bergwerks- und Hütten-Vereins-AG am Ramersdorfer Rheinufer.
Deulich erkennen wir in der Bildmmitte vorne die alte
Rohmühle, die derzeit zu neuem Leben erwacht. Rechts steht der
Wasserturm, alle anderen Gebäude des früheren Zementwerkes
sind nicht mehr vorhanden. Oben links sehen wir einen Ortsteil von
Ramerdorf, oben rechts die Dornheckenstraße, seinerzeit die
"Grenze" zwischen Beuel und Oberkassel. Auf der großen
Freifläche in der Bildmitte, immer noch im Beueler Bereich, entsteht
zur Zeit das neuen Bonner Polizeipräsidium.
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Spuren
der Familie Bleibtreu in Oberkassel
In unserem Rundschreiben Nr. 157 berichteten wir am 09.02.05 von dem
bekannten Industriepionier Leopold Bleibtreu, der 1777 in Neuwied
geboren zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Alaungewinnung auf der
Ennert-Hardt begründete und 1839 im Karmeliterkloster Pützchen
starb. Sein Schaffen wurde uns 1994 im Vortrag von Herrn Christian
Schüller nahe gebracht.
Sein Sohn war der 1821 in Pützchen geborene Chemiker Dr. Hermann
Bleibtreu, nach dem das „Hermann-Bleibtreu-Ufer" nach Umgestaltung
der ehemaligen Kaianlage der 1987 stillgelegten Zementfabrik benannt
wurde. Er war der Begründer der Portlandzementindustrie in Deutschland
auf wissenschaftlicher Basis und gilt auch als „Vater der rheinischen
Braunkohlenindustrie". Er verstarb in Bonn 1881.
1857 auf der Ennert-Hardt und 1862 in der Villa der Zementfabrik geboren
fanden seine Söhne Dr. Karl und Prof. Dr. Leopold Bleibtreu einen
Bauplatz in der zu dieser Zeit fast noch unbebauten Schulstraße
in Oberkassel, die von 1933 bis 1945 als Horst-Wessel-Straße
und seither als Basaltstraße benannt wurde. Sie ließen
sich in den Jahren 1924/25 von dem befreundeten Straßburger
Landbauinspektor und Dombaumeister Ludwig Arntz gegenüber der
Einmündung der Straße „Im Heckengarten" eine
große, repräsentative Doppel-Villa mit spiegelverkehrten
Gebäudehälften errichten. Arntz hat sich übrigens 1902/03
auch um die bauliche Wiederherstellung der Doppelkirche in Schwarzrheindorf
verdient gemacht und z. B. an der Nordwestecke den doppelgeschossigen
Sakristeibau aufgeführt.

Im zweiten
Weltkrieg wurde bei einem Bombenangriff die im Bild linke, früher
von Karl Bleibtreu bewohnte Haushälfte zerstört und später
in nüchternem, sachlichem Zweckstil wieder aufgebaut. Die andere,
früher von Leopold Bleibtreu bewohnte Hälfte steht unter
Denkmalschutz. Karl und Leopold Bleibtreu wurden nach Ihrem Tode 1934
und 1932 auf dem Friedhof an der Langemarckstraße in Oberkassel
beigesetzt.
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Als
blutstillendes Mittel wunderbar
General-Anzeiger
Bonn vom 11.03.2006; von Julia Wehner
Am 11.
März 1806 muss der Industrielle Leopold Bleibtreu nervös
gewesen sein. Denn einen Tag später sollte er die Konzession
bekommen, die erste Alaunhütte im Ennert zu gründen. Später
stieg das Unternehmen zum bedeutendsten Alaun-produzenten Preußens
und größten Arbeitgeber der Region auf. Der Errungenschaften
des Vaters nicht genug, errichtete Leopolds Sohn, Hermann Bleibtreu,
vor 150 Jahren die Oberkasseler Zementwerke.

Doppelsalz
für die Textilindustrie:
Anfang des 19. Jahrhunderts lief die Alaun-Produktion im Ennert auf
Hochtouren
Intensiv beschäftigt sich der Bonner Hobby-Historiker Hans Breitgraf
mit der Familie Bleibtreu - kein Wunder, denn sei-ne Frau Brigitte
ist die Ururenkelin Leopold Bleibtreus. „Wir sind zusammengezogen,
und ich sah all die unbekannten Familien-Fotos. Auch Bilder von Leopold
und seinem Sohn Hermann", erinnert sich der 81-Jährige.
Das Forscherherz war geweckt, als Breitgraf auf die Fragen, wer das
denn alles sei, ob darüber geforscht würde und wenn ja,
wer sich darum kümmere, ein lakonisches „der eine hat die
Alaunhütten gegründet, der andere die Zementfabrik. Und
ja, es gäbe eine alte Chronik, und nein, keiner hätte sich
seitdem damit beschäftigt" als Antwort bekam. „Da
hab ich angebissen", meint der Beamte des Auswärtigen Amtes
im Ruhestand.
Seitdem vervollständigt Breitgraf die Chronik, die 1971 endete.
Um die 25-jährige Lücke zu füllen, habe er lokale Heimatkundler
befragt, Stadt und Staatsarchive besucht und Dokumente gesammelt.
1777 in Neuwied geboren und aufgewachsen, genoss Leopold Bleibtreu
„gehobene Erziehung, ging auf eine Privat-schule, lernte Latein,
Italienisch und Französisch." Bereits mit 20 Jahren (1797)
arbeitete er als Berginspektor in den Kupfer-und Erzwerken des Vaters
in Rheinbreit-bach. „Bis es zur Krise kam", so Breitgraf.
„Die Dampfmaschine erreichte den deut-schen Markt, und die Investitionen
waren neben den erschöpften Ressourcen zu hoch." So orientierte
sich der Industrielle um, investierte 1803 in Braunkohlevorkommen
im Ennert und gründete zwischen Pützchen und Niederholtorf
auf der Hardt 1806 die erste Alaunhütte.
Heute kenne man Alaun kaum noch, so Breitgraf. „Dabei kann es
wunderbar als blutstillendes Mittel benutzt werden, wenn man sich
beim Rasieren schneidet", so der 81-Jährige über den
fast durchsichtigen Stein, den es noch in der Apotheke gibt. Damals
wurde das kristallisierte Doppel-salz aus Kalium und Aluminium für
die boomende Textilindustrie benutzt, besonders zur Herstellung von
Farbe. Breitgraf: „Einer der damals beliebtesten Farbtöne
war das kräftig-dunkle Türkisch-Rot. Ohne Alaun nicht herstellbar."
Bei seinen Nachforschungen fand Breitgraf heraus, dass Leopold Bleibtreu
im Nachhinein selbst eine zentrale Rolle in der Beueler Heimatkunde
spielte. „Von ihm stammt die erste umfassende Darstellung von
Pützchens Markt und dem Karmeliterkloster." Bleibtreu, selbst
zeitweise Eigentümer des Klosters, veröffentlichte seine
Erinnerungen 1835. Junge Bauern seien damals die zahlreichsten Besucher
gewesen und hätten sich am liebsten bei Reitwettbewerben vergnügt,
beschreibt er seine Eindrücke.
Auch kriminalistisch Brisantes berichtete er. So erzählt Bleibtreu,
dass „Fetzer", der damals bekannteste Räuber des Rheinlandes
Pützchens Markt besuchte, ohne dass allerdings ein Verbrechen
größeren Ausmaßes geschah. Ebenso schildert er die
Wirren des Koalitonskrieges 1792 rund um seinen Geburtsort Neuwied.
Schließlich traf der Alaunhersteller gar auf Napoleon, der in
den Jahren 1810/11 die Region aufsuchte und überlegte, auf dem
Finkenberg eine Festung zu errichten, zu deren Bau es aber nie kam.
„Bleibtreu war gar nicht begeistert. Er hätte beim Bau
der Burg eine Alaunhütte abreißen müssen und forderte
Entschädigung", berichtet Breitgraf, der den Pützchens-Markt-Rückblick
in Kürze herausgeben will.

Vater
und Sohn: Vor 200 Jahren errichtete der in Neuwied geborene Leopold
Bleibtreu die Alaunhütten im. Ennert (l), 50 Jahre später
Hermann Bleibtreu die Zementfabrik.
1839, nach dem Tod Leopolds, übernahmen zwei seiner vier Söhne,
Gustav und Hermann, die Alaunhütten und sahen sich mit dem Problem
konfrontiert, dass der Alaunabsatz wegen einer etablierten billigeren
Produktionsmöglichkeit sank. Wie zuvor schon der Vater, suchte
Hermann Bleibtreu nach industriellen Alternativen - und fand den hochwertigen
englischen Portland-Zement. Der promovierte Chemiker entdeckte den
Baustoff bei einem Universitätsaufenthalt in London. „Doch
da die englischen Erfinder nicht mit ihrem Wissen herausrückten,
forschte er solange, bis er seinen Zement 1853 patentieren ließ",
so Breitgraf. Wer heute die Rheinpromenade am Hermann-Bleibtreu-Ufer
entlangschlendert, sieht noch das erste Zementfabrikgebäude,
das Bleibtreu Junior 1856 in Bonn errichten ließ und das zwei
Jahre später den Betrieb aufnahm. Bis 1871 leitete Hermann die
Werke als Generaldirektor, 1881 starb er.
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Hightech
und Villen rund um den Wasserturm
General-Anzeiger
Bonn vom 31.12.2005; von Cem Akalin (Text) und Max Malsch (Fotos)
Der Wind
fegt an diesem Tag ungehindert über den Rhein und bläst den
beiden Spaziergängern die Haare und den Nieselregen ins Gesicht.
Ein Hund hält schnüffelnd die Nase hoch. Ein Containerschiff
aus Rotterdam oder Duisburg kämpft sich Rheinaufwärts mit
unbekanntem Ziel, Bei heißem Kakao oder Kaffee beobachten die
Gäste der „Rohmühle" die Szene am Rheinufer. Wo
einst schwere Mühlen Kalk und Gestein zerrieben und Männer
den neuen Werkstoff in Fässer füllten und den Zement per Schiff
auf die Reise schickten, ist heute ein schickes wie gemütliches
Lokal entstanden. Die edle Theke, die dick gepolsterten braunen Lederbänke
und -stuhle locken nicht nur Ausflügler an. Das Restaurant in dem
umgebauten Industriedenkmal füllt sich vor allem um die Mittagszeit
mit Beschäftigten aus den Unternehmen in „BonnVisio - Innovationspark
am Rhein", wie das Gelände der ehemaligen Zementfabrik zwischen
Oberkassel und Ramersdorf seit fünf Jahren heißt. Spaziergänger
treffen dort auf Businessleute.

Konzentration:
Der Beueler Süden hat viele Einrichtungen angezogen.
Nicht zu sehen: Detecon und T-Mobile.
Elf Hektar groß ist das Areal, das entspricht etwa der Größe
von 15 Fußballplätzen. Hinzu kommen 5,6 Hektar des sich im
Süden anschließenden Geländes der Sackfabrik Duwe, auf
dem in naher Zukunft Luxuswohnungen und Stadtvillen entstehen sollen.
Die „Filetlage" Bonns lag lange ungenutzt, nachdem die Dyckerhoff
AG 1987 ihre Produktion endgültig einstellte. Etliche Pläne
wurden entworfen, teilweise bis ins Detail vorbereitet (siehe Chronik),
die dann wieder in irgendwelchen Schubladen verschwanden. Mal fehlte
es am nötigen Geld, manchmal vielleicht auch an einer gewissen
Risikobereitschaft, , ein anderes Mal war es einfach der falsche Standort.
Wie bei Caesar. Laut Gutachten verursachte die Rheinschifffahrt so viel
Erschütterung, dass die im Nanobereich arbeitenden Instrumente
der Forschungslabors gestört worden wären.
Für Stadt und Politik stand indes immer fest, dass sich auf diesem
freien Feld kein Baumarkt oder Discounter niederlassen sollte, sondern
nur Hightech-Unternehmen. Eigentlich wäre der Standort am Bogen
des Rheins, zu Füßen des Siebengebirges und mit diesem herrlichen
Blick ja ideal für ein Fünf-Sterne-Hotel. Und diesen Plan
gab es auch mal. Um das IKBB-Projekt (Internationales Kongfesszentrum
Bun-desstadt Bonn) Vis a vis nicht zu gefährden, haben Verwaltung
und Politik solch eine Ansiedlung aber ausgeschlossen.
Endgültig ins Rollen kam die Entwicklung auf dem Gelände mit
der Ansiedlung der GWI. Der Spezialist für Krankenhaus-Software
mit seinen Vorständen Jörg Haas und Rüdiger Wilbert kaufte
Anfang 2000 den südlichen Teil des Areals mit Wasserturm und Direktorenvilla
und bezog die rund 5000 Quadratmeter große Bürofläche
vier Jahre später. Die von Haas eigens gegründete Bonn Visio
Immobilien Verwaltung GmbH & Co KG beließ es nicht bei diesem
Engagement. In diesem Jahr kaufte sie zusätzlich die umgebaute
und erweiterte Rohmühle. Kürzlich machten Politik und Verwaltung
den Weg frei für weitere Projekte des Investors: Auf dem rund 10
000 Quadratmeter großen Winkelstück zwischen Rheinpromenade
und Bahn will er ein fünfeinhalbgeschossiges Parkhaus bauen, und
zwar entlang der Bahntrasse, gleich hinter der neuen Unterführung
der Heihrich-Konen-Straße, die zum neuen Polizeipräsidium,
zur Bundesanstalt für Post und Telekommunikation und zum Deutschen
Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) führt. Im Erdgeschoss
sind Geschäfte des täglichen Bedarfs, ein Kiosk und ein Bistro
vorgesehen. Ins Penthouse soll ein Fitnessstudio einziehen.
Das „Rheinwerk", mit dem die Projektpartner Development Partner
AG, Pareto (Kreissparkasse Köln) und ProBonnum (Sparkasse KölnBonri)
hinter der Rohmühle 10 600 Quadratmeter vermietbare Bürofläche
geschaffen haben, ist erst zur Hälfte vermietet, da stehen schon
die näch-sten Projekte an. „Die Nachfrage belebte sich in
den letzten Monaten deutlich", sagt ProBonnum-Geschäftsführer
Helmut Laufer. „Linksrheinisch ist ja nicht mehr viel, und der
Markt reagiert jetzt auf Verknap-pung. Der Topstandort von Bonn hat
sich etabliert."
Das sieht Haas offensichtlich ebenso. Denn nördlich der Rohmühle
will er ein von Glas dominiertes weiteres „U" mit zwei Solitären
in der Linie der Seitenschenkel bauen - etwas nach hinten ver-setzt,
um die Rohmühle als markanten Punkt zu erhalten. Es soll vor allem:
als Seminar- und Schulungszentrum genutzt werden, aber auch Büros
werden dort entstehen. Den architektonischen Kern des Projektes bildet
eine von der Joseph-Schumpeter-Allee zum Rhein durchgehende Empfangs-
und Ausstellungshalle mit einer Raumhöhe von bis zu 10,50 Metern.
Unternehmen wie die Galileo Press GmbH haben sich mittlerweile in den
Glasbüros eingemietet. Der Fachverlag („Effiziente Logistikprozesse
mit SAP RFID") ist zuletzt von der Gartenstraße an den „sehr
prominenten Standort BonnVisio", so Geschäftsführer Tomas
Wehren, gezogen. Dann befindet sich dort noch eine Personalvermittlung
für Fach- und Führungskräfte („1 A Zukunft"),
und Adidas ist gerade dabei, sein Regionalbüro von Troisdorf an
den Rhein zu verlegen. In einem weiteren Trakt liegen die Büros
der international tätigen Unternehmensberatung UGM (Unabhängige
Gesellschaft für Mittelstandberatung), ein Stockwerk drunter hat
sich Nortel niedergelassen. Der kanadische Konzern ist Spezialist für
Telekommunikations-Netzwerke und sucht hier die Nähe zum Großkunden
Deutsche Telekom, so Sabine Werb. Auch mitten im Umzug befindet sich
der nach eigenen Angaben europaweit größte Betreiber der
Internetplattform für Fotografen „Fotocommunity", die
250 000 Mitgliedern ein Forum bieten, das täglich um 400 wachse,
so Officemanagerin Esther Kitterer. Laufer ist sicher, dass sich der
Standort mit der bewegten Vergangenheit zur „guten Stube Bonns"
entwickelt - mit weiteren innovativen Unternehmen, auch aus der Fashionszene,
und mit dem offenen Charakter eines Büroparks ohne Zäune für
Bürger, die die schöne Lage genießen wollen.
Chronik
General-Anzeiger
Bonn vom 31.12.2005
1856
Der „Bonner Bergwerks- und Hüttenverein" beschließt
den Bau einer Zementfabrik am Rheinufer auf der Grenze zwischen Oberkassel
und Ramersdorf.
1858
Die
Zementproduktion nach dem von Hermann Bleibtreu patentierten „Portlandverfahren"
beginnt.
1966
Das Unternehmen nennt sich um in„Bonner Zementwerk AG".
1985
Fusion mit der Dyckerhoff AG, Wiesbaden.
1987
Die Produktion wird eingestellt.
April
1989 Die Moeller Stiftung, alleinige Gesellschafterin der Klöckner-Moeller
Elektrizitäts GmbH, beschließt, ihre Hauptverwaltung mit
700 Mitarbeitern auf dem Areal der Zementwerke zu errichten.
Das Bundeskabinett beschließt, die DARA (Deutsche Agentur für
Raumfahrtangelegenheiten), später DLR (Deutsche Gesellschaft für
Luft- und Raumfahrt) hinter dem Zementwerk zu etablieren.
Juni
1990 Zwei Silos und ein Türm der Zementfabrik werden gesprengt.
Den Wettbewerb für den Klöckner-Moeller-Bau gewinnen die Bonner
Architekten van Dorp/Schmidt, Riemarin & Roy, Volkhard Weber und
Ralph Schweitzer.
Oktober
1990 Klöckner-Moeller will die Rohmühle abreißen.
Dezember 1990 Der Bonner Elektrokonzern zieht seine
Ansiedlungspläne wegen „Differenzen mit der Stadt" zurück.
Die Papiersackfabrik Duwe, seit 1929 dort ansässig, beschließt,
den Oberkasseler Standort aufzugeben.
August
1992
Stadtbaurat Sigurd Trommer bietet das Gelände der Europäischen
Zentralbank an. Sollte der Sitz nicht nach Bonn kommen, könnte
dort das Center of Advanced European Studies and Research (Caesar) angesiedelt
werden.
März
1995
Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers schlägt Gutachten
für Caesar-Standort vor
März
1998
Das Zementfabrikgelände ist als Standort aus dem Rennen, weil Erschütterungen
durch Züge und Rheinschiffe die empfindlichen nanotechhischen Experimente
stören könnten.
März
2000
Das Kölner Software-Unternehmen GWI kauft Teile des Geländes.
Mai
2000 Der Hamburger Projektentwickler Wolf gang Bohn möchte mit
seiner Bauwerk AG eine „Wohlfühl-Oase" mit Hotel und
Restaurants bauen.
August 2000 Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann
gibt die Promenade an der Zementfabrik frei. Sie heißt jetzt „Hermann-Bleibtreu-Ufer".
November 2000 Eine Arbeitsgruppe geht in Klausur und
gibt dem Gelände einen neuen Namen: „BonnVisio - Innovationspark
am Rhein".
November
2001
Die Stadt beendet die Verhandlungen mit der Bauwerk AG. Die niederländische
Investorengruppe ING Real Estate erhält den Zuschlag für die
Bebauung des Duwe-Geländes.
Februar
2002
Die Frankfurter ALBIS AG will mit Norman Fester bauen.
Juli 2002 ALBIS startet ein Wettbewerbsverfahren.
September 2002 Die Jury entscheidet sich für die
ypsilonförmigen Gebäude von Christoph Ingenhoven.
März
2003
ING steigt aus dem Projekt Sackfabrik aus.
Juli
2003 Albis und der Partner Primus geben das Projekt auf.
Januar 2004
Die „Rheinwerk" legt den Grundstein für 13 600 Quadratmeter
Büros
und Gastronomie in der Rohmühle.
April 2004 Das Software-Unternehmen GWI bezieht seinen
Neubau.
Oktober 2005 Die ersten Nutzer der „Rheinwerk"
ziehen ein.
Dezember 2005 Der Stadtrat beschließt die Offenlegung
des Bebauungsplans für das Duwe-Gelände.
Die
ersten Nutzer sind ins Rheinwerk gezogen
General-Anzeiger
Bonn vom 03.08.2005 (von Cem Akalin (Text) und Max Malsch (Foto))
Mehr
als 40 Prozent sind vermarktet. Galileo Press, adidas und Unternehmensberater,
Haas kauft die Rohmühle. Restliche freie Flächen wurden erneut
ausgeschrieben. Die denkmalgeschützte und umgebaute Rohmühle
auf dem Gelände der ehemaligen Zementfabrik („BonnVisio")
ist verkauft. Käufer ist die BonnVisio Immobilienverwaltung GmbH
& Co.KG, die bereits das benachbarte Gebäudeensemble mit Hauptsitz
der GW1 AG (Gesellschaft für Wirtschaftsberatung und Informatik)
im Besitz hält. Dahinter steht GWI-Vorstand Jörg Haas. Über
den Kaufpreis wurde zwischen den Parteien Stillschweigen vereinbart,
so Ralf Bettges, Sprecher der Deve-lopment Partner AG.
Die GWI, Marktführer bei der Hersteller von Krankenhaussoftware,
hat ihren Firmensitz in direkter Nachbarschaft des Rheinwerk zwischen
Wasserturm und Direktorenvilla. Haas besitzt somit alle his-torischen
Gebäude auf dem Gelände. In der vergangenen Woche wurde ein
entsprechender Notarvertrag abgeschlossen.
Der Bürokomplex Rheinwerk ist im Frühjahr fertiggestellt worden.
Mit dem Bau wurde im Herbst 2003 begonnen; das Projektvolumen beträgt
rund 40 Millionen Euro. Direkt gegenüber dem ehemaligen Regierungsviertel
haben die Projektpartner Development Partner AG, Pareto GmbH (Kreissparkasse
Köln) und PRO Bonnum GmbH (Sparkasse KölnBonn) an dieser Stelle
rund 10 600 Quadratmeter vermietbare Bürofläche im Neubau
und darüber hinaus noch einmal rund 3000 Quadratmeter in der das
Grundstück prägenden und weithin sichtbaren alten Rohmühle
verwirklicht. Hinzu kommen 165 Tiefgaragen- und 55 oberirdische Stellplätze.
Showroom
Mittlerweile wurden auch die ersten Mietverträge für das Rheinwerk
abgeschlossen. Im Erdgeschoss der denkmalgeschützten Rohmühle
betreibt der Gastronom Harald Müller, bekannt durch das Bonngout
in Bonn, seit Mitte September ein Restaurant mit Terrasse auf rund 340.
Quadratmetern (wir berichteten).
Als Mieter für den südlichen Solitär konnte die Galileo
Press GmbH gewonnen werden. Der Fachverlag für Publikationen zu
Computing-, Design- und zu Wirtschaftsthemen („Effiziente Logistikprozesse
mit SAP RFID") ist mehrmals in Bonn umgezogen, zuletzt von der
Gartenstraße an den „sehr prominenten Standort Bonn-Visio",
so Geschäftsführer Tomas Wehren. Der Fachverlag ist in den
vergangenen sechs Jahren stetig gewachsen, so war es ihm wichtig, nun
endgültig an einen Standort zu wechseln, wo er weitere Expansionsmöglichkeiten
hat. Im „Rheinwerk" hat er sich einen Solitärbau, den
neben der GWI, gesichert. Ein Geschoss ist derzeit loch untervermietet,
unter anderem an eine Personalvermittlung für Fach- und Führungskräfte.
Dieser südliche Solitär des Rheinwerks bietet ebenso wie sein
nördlicher Zwillingsbruder eine Gesamtmietfläche von rund
1 200 Quadratmeter über vier Etagen plus einer großzügigen
Sonnenterasse im obersten Geschoss.
Im U-Körper des Neubaus hat sich die Jnternehmensberatung UGM (Unabhängige
Gesellschaft für Mittelstandberatung) Korporale Consultants GmbH
eine Fläche von 345 Quadratmeter im Erdgeschoss gesichert. Die
UGM hat ebenso wie Galileo Press ihre Räumlichkeiten bereits im
Sommer dieses Jahres bezogen. Das Unternehmen, das auch Büros in
Köln, London und Brüssel unterhält, ist aus Mehlem nach
Beuel gezogen.
Zu den neuen Mietern im U-Körper des Neubaus im Rheinwerk zählt
mit Adidas uch ein weltweit führender Sportartikel-lersteller und
mit Nortel ein international tätiger Ausrüster von Telekommunikaionsnetzen.
Beide werden ihre Flächen loch im laufenden Jahr beziehen. Adidas
hat insgesamt 755 Quadratmeter Büro- und Ausstellungsflächen
gemietet, Nortel sicherte sich 340 Quadratmeter Bürofläche
m Neubau des Rheinwerk. Über die restlichen Flächen würden
derzeit intensive Verhandlungen geführt, so Ralf Bettges.
Für den nördlichen Solitär liege bereits ine Reservierung
vor. Der Standort rund im das Rheinwerk hat sich in der jüngeren
Vergangenheit mehr und mehr zu einem Zentrum der Hochtechnologie entwickelt.
Neben T-Mobile haben sich hier auch Teile der Deutschen Telekom angesiedelt.
Das Provisorium der Telekom hat noch bis Ende kommenden Jahres Bestand.
Zum weitläufigen Standort im Süden Beuels zählen noch
die Detecon und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Das Polizeipräsidium baut gerade auf dem Dahlienfeld.

Links: Mehr als die Hälfte der Büroflächen
im Rheinwerk, das im Frühjahr fertiggestellt wurde,
stehen noch frei.
Rechts: Zufrieden mit dem neuen Standort ist Galileo
Press-Geschäftsführer Tomas Wehren.
Neben den konzentrierten hochwertigen Arbeitsplätzen bietet der
Standort einen besonderen landschaftlichen Reiz. Die exponierte Lage
des Grundstücks gegenüber dem Bundesviertel bietet in mehrfacher
Hinsicht einen attraktiven Ausblick. Der Standort stellt eine Sichtbeziehung
auf die Uferpromenade ebenso her wie auf das linksrheinische Bonn, das
Siebengebirge und den attraktiven Verlauf des Flusses selbst. Diese
Sichtbeziehungen bleiben nach den Plänen des Bonner Architekten
Karl-Heinz Schommer möglichst vielen Nutzern der Büroflächen
erhalten. Aus diesem Grund wurden die Geschosse des U-förmigen
Gebäudes konsequent gestaffelt und weisen ein hohes Maß an
Transparenz auf. Der Blickkontakt in Richtung Rohmühle, Rhein und
Siebengebirge bleibt erhalten. Die restlichen freien Flächen im
nördlichen Teil der Zementfabrik sind über die Landesentwicklungsgesellschaft
(LEG) nochmals ausgeschrieben worden. Laut Monika Frömbgen vom
städtischen Presseamt gibt es aus dem so genannten Interessenbekundungsverfahren
„bereits einiges an Rückläufen". Aber konkrete
Planungen lägen noch nicht vor.
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