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| Berichte an die Oberkasseler Zeitung
Information für Neubürger in der Oberkasseler Zeitung 2009
Die aufregende Geschichte eines besonders interessanten Qua-dratkilometers am Rande Oberkassels

(1) Als Reste der vor ca. 25 Mio. Jahren in unserem Bereich einsetzenden vulka-nischen Tätigkeit wurden nach Verwitterung der Deckschichten in Jahrtausenden Basaltvorkommen sichtbar. Bei der Versteinerung des Basaltes entstanden senk-recht zur Erkaltungsrichtung 5-6 kantige Säulen, in Oberkassel vorwiegend ver-schieden dicke Basaltschichten.
(2) Vor etwa 14.000 Jahren (12.000 n. Chr.), zu Beginn der Jungsteinzeit wurde am Steilabbruch des Stingenberges (2) in einer mit Rötel gefärbten Schicht unter Basaltplatten eine junge Frau (20-25) und ein älterer Mann (50-60) mit ihrem Hund begraben. Der Hund ist eines der ältesten vom Wolf abstammenden (domestizierten) bisher gefundenen Haushunde der Welt. Das Grab wurde 1914 ent-deckt; zum 100jährigen werden z. Zt. neue wissenschaftliche Forschungen ange-stellt.
(3) Eine erste Besiedlung geschah wohl durch die Franken im 7. bis 11. Jahr-hundert und zwar in Oberkassel auf der hochwasserfreien Inselterrasse und der Mittelterrasse in Form von Hofanlagen. Dazu gehörte wohl auch das Gut Haistil-berg auf dem Büschel, das 1210 an das Zisterzienserkloster Heisterbach kam und daher später Mönchshof genannt wurde. Es war einer der größten Höfe Oberkassels mit eigenem Hofgericht. Es wurde Hebestelle, d.h. Annahmestelle für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Mit großen Getreidespeichern, Weinkellern und anderen Lagermöglichkeiten bot es genügend Platz zur Einlagerung und Weiterverarbeitung der von Lehnsleuten und Pächtern der Umgebung abgeliefer-ten Erzeugnisse. Der Hof wurde um 1921 niedergelegt.
(4) Zu dem Hof gehörte wohl die Burganlage „am Steiner Häuschen“ (Urkunde von 1566: „Steinen Haus“). Auch nach einem Bericht des bekannten Novizenmei-sters und späteren Abtes Cäsarius von Heisterbach besaß der Hof einen Turm. Dieser lag auf einem markanten Bergsporn vor der Rabenlay und wurde nach ei-nem Bericht von Cäsa rius 1217 durch Blitzstrahl mit anschließender Feuers-brunst eingeäschert.
In diesem Bereich wurde im Rahmen des Neubaus der Autobahn EB 42 durch Notgrabungen des Rheinischen Landesmuseums geforscht. Die verbliebenen Teile wurden abgesichert. Der Wohnturm hatte eine Grundfläche von 20x12 m und war von 2 Mauerringen umgeben, die z. T. weggebaggert wurden. Anhand von Hüttenlehmbrocken mit Rutenabdrücken im Schutt des Gebäudekerns, die durch starke Brandeinwirkung verziegelt waren, kann vermutet werden, daß ein massiver Unterbau ein Fachwerk-Obergeschoß trug. Es wurden viele Scherben sog. Pingsdorfer Keramik, Kugeltopfscherben und Tierknochen aus vorurkundli-cher Zeit gefunden. Im Inneren wurden auch Reliefband-Amphoren-Scherben aus karolingischer Zeit von vor 1000 gefunden.
(4) Die Burganlage ist bequem über den Lärmschutzwall entlang der EB 42 , vom Weg zwischen den Sportplätzen aus oder auf einem Weg hart südlich des Härle-Parks erreichbar.
In dieser Gegend soll Heinrich I. Herr von Löwenburg 1335 zum standesgemä-ßem Leben als Landesherr einen Wildpark angelegt haben, der ihm auch zum Jagen dienen sollte. Die genaue Lage und Ausdehnung des ihm vom Kloster Hei-sterbach übergebenen Geländes ist nicht bekannt. In den Resten der Oberkasse-ler Burganlage wäre durchaus die Möglichkeit zur Haltung wilder Tiere gegeben gewesen wie von Bären, Wölfen, Hirschen und Wildschweinen sowie Greifvögeln.
(5) Später diente der Abbau von Basalt in vielen Steinbrüchen mehr als hundert Jahre der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften als Erwerbsquelle zum Le-bensunterhalt. Zum Einsatz beim Bau von Straßen, Bahntrassen und Uferbefesti-gungen wurde der Oberkasseler Basalt vorwiegend zu Pflastersteinen und Klein-schlag verarbeitet, zunächst von Hand, seit etwa 1900 mit großen Steinbrechern.
(6) Im Rahmen des Neubaus der Autobahn EB 42 ,fertiggestellt 1984, wurde die Trasse teilweise aufwendig durch hohe Massen von Abraum aus den Steinbrüchen gebahnt.
Als Überbleibsel der Abbautätigkeit verblieben Steinbruchseen; der größte als Relikt mehrerer Steinbrüche, der„Dornheckensee“ (7a), erhielt beim Autobahnbau zum Schutz vor Überschwemmungen bei etwaigen Felsabstürzen eine breite Rampe. Der „Blaue See“ (7b) führt noch Wasser während der “Märchensee“(7c), der mit seiner Naturbühne durch Opern-, Operetten- und Theateraufführungen bekannt wurde, verlandet ist. Weitere Seen sind der „Heiligenpütz“ (7d) an der Hosterbacherstraße und der „Erlenpütz“ (van Dorpscher Weiher) an der Dorn-heckenstraße. Ein Basaltgang endete westlich des Kucksteins, wo nach Abbau das sog. „Maar“ im Bereich des Härle-Parks entstand.
(8) Das in der Nähe des Märchensees auf einer Schutthalde von der damaligen St. Hubertus-Schützenbruderschaft errichtete „Hubertushaus“, ein beliebtes Ausflugsziel, wo die Oberkasseler fröhliche Feste feierten, mußte dem Bau der Autobahn weichen.
(9) In der Nähe hatte sich Franz-Carl Rennen, der Präsident der „Königlichen Ei-senbahndirektion Köln (linksrheinisch)“, auf einem ca. 7 ha Grundstück ein gro-ßes Landhaus errichtet und mit der Anlage eines Parks begonnen. Seiner Ein-flußnahme ist es zu verdanken, daß die Oberkasseler Eisenbahntrasse im Ge-gensatz zu den benachbarten Orten am Rhein entlang führt.
(10) 1921 erwarb der Jurist Dr. Carl Härle das Anwesen. Er ließ den alten Park mit drei vorhandenen Zedern, einem Mammut- und einem Ginkgobaum durch Pflanzung besonderer Bäume und Sträucher erweitern. Seine Töchter übernah-men die weitere Gestaltung des Parks, der ab 1997 als Stiftung Arboretum Park Härle ein Anziehungspunkt für nah und fern wurde.
(11) Auf dem alten Sportplatz (11) wird beim größten Volksfest Oberkassels zu Maria Himmelfahrt, der „Kirmes“, der Schützenvogel unserer Jesus-Maria-Josef Junggesellen Schützenbruderschaft aufgestellt, ehe er mit dem Karabiner allmäh-lich bis zum Gewinn der Königswürde zerlegt wird.
Kriegsende
in Oberkassel
Familien hausten wochenlang im Steinbruchstollen
von
Doris Bosselmann, geb. Steeg
Doris Bosselmann stammt aus der Lehrerfamilie Steeg; ihr Vater
war 33 Jahre Lehrer an der katholischen Volksschule in Oberkassel.
Bei Kriegsende war sie sieben Jahre alt und erlebte die letzten Kriegswochen
und den Einzug der Amerikaner aus kindlicher Sicht:
In den letzten Wochen des Krieges lag Oberkassel in einer gefährlichen
Beschusszone. Von Plittersdorf auf der anderen Rheinseite schossen
die Amerikaner (Beobachtungsturm war die Plittersdorfer Kirche), während
die deutschen Soldaten eine Flakstellung auf der Höhe oberhalb
der Steinbrüche bezogen hatten. In dieser Situation schien uns
der Basaltkeller zu Hause in der Zipperstraße nicht mehr sicher
genug; und so entschlossen wir uns zum Umzug in den Stollen im Steinbruch.
Der Stollen
am Stingenberg zwischen Kuckstein und Rabenley hatte folgende Abmessungen:
Höhe 2 bis 2,5 m, Breite 2,20 bis 2,40 m, Länge 34 m. Neben
diesem Stollen gab es weitere in den Oberkasseler Steinbrüchen,
z. B. an der Dornhecke, am Blauen See, am Märchensee, unter dem
alten Fußballplatz und oberhalb von Berghoven. Als die Steinbrüche
noch in Betrieb waren, dienten sie als Lagerraum für Material
und Handwerkszeug, für Sprengstoff oder einfach als Wetterschutz.
Ein Teil der Oberkasseler Bevölkerung suchte schon während
der Bombenabwürfe dort Unterschlupf.

(Foto:
Autorin)
Vor den feindlichen Angriffen waren wir hier sicher, nicht aber vor
der NS-Verwaltung: Noch in den letzten Tagen vor dem Einmarsch der
Amerikaner wurde Herr N. von zwei Männern zum Volkssturm abgeholt.
Er kam erst spät aus französischer Gefangenschaft zurück.
Schon lange vorher hatten unsere Eltern mit uns (mein Bruder Helmut
war acht und ich selbst sieben Jahre alt) den Stollen inspiziert.
Die Autostraße unterhalb der Steinbrüche war damals noch
nicht gebaut, das Gelände war urwüchsig und bewaldet. Über
den Büchel, die frühere Pützstraße, und den schmalen
Pfad zum Steiner Häuschen erreichten wir nach einer Klettertour
über verschlungene und steil bergan führende Wege durch
eine Schlucht den besagten Stollen. Er war nach beiden Seiten offen,
die hintere Öffnung ist heute noch vom Nücker-Felsenweg
zu sehen. Der Boden aus staubigem Geröll hatte den Nachteil,
dass vieles, was aus der Hand fiel, unauffindbar blieb. In den Wänden
waren hin und wieder kleinere Vertiefungen eingeschlagen, auf der
rechten Seite, gleich am Eingang, befand sich eine etwas größere
Nische, die sich später als gemeinsame Herdstelle sehr nützlich
erwies. Vater erklärte uns, dass wir in dieser Höhle sicher
überleben könnten, sogar wenn eine Granate oder Bombe genau
vor dem Eingang einschlagen würde. Dann könnten wir uns
nämlich am hinteren Ausgang abseilen, und er zeigte auf die dicke
Eisenstange im Boden. Beim Blick in den Abgrund fuhr mir der Schreck
in die Glieder bei dem Gedanken, dass eine solche Situation wirklich
eintreten könnte.
Ende Februar 1945 begann der Beschuss und wurde immer intensiver,
es wurde immer gefährlicher für die Zivilbevölkerung.
Vor unserem Umzug in den Steinbruch waren meine Eltern noch sehr damit
beschäftigt, einige Möbelstücke und andere liebgewonnene
Dinge in unseren Keller außerhalb des Wohnhauses in Sicherheit
zu bringen. Wir Kinder beobachteten derweil interessiert den Himmel,
wo ab und an graue Wölkchen auftauchten und plötzlich explodierten.
Als ich meine Eltern während des geschäftigen Hin- und Herlaufens
darauf aufmerksam machte, ahnte ich nicht, in welcher Gefahr wir uns
bereits befanden. Mein Vater kannte diese Schrapnells aus dem 1. Weltkrieg.
Es wurde höchste Zeit! Eilig aßen wir Abendbrot im Schein
einer Petroleumlampe (der Strom war bereits abgestellt). Eine Pfanne
Bratkartoffeln, von meiner Mutter schon vorbereitet, war die letzte
Mahlzeit vor unserem Höhlenleben. Den Rest des eilig verschlungenen
Pfannengerichtes fanden wir bei unserer Rückkehr als „Schimmelpilzgericht“
wieder.
Wir ergriffen unser Handgepäck, mein Bruder und ich bekamen einen
vorgepackten Rucksack umgeschnallt und ein paar gute Ratschläge
unseres Vaters mit auf den Weg: "Wenn ich 'runter' rufe, müßt
ihr euch sofort flach auf die Erde werfen, damit wir kein Angriffsziel
bilden." So instruiert zogen wir los, die Kinder voraus. Schon
beim vierten Haus machten wir nach dem Warnruf des Vaters Bekanntschaft
mit dem Kopfsteinpflaster der Zipperstraße. Ich weiß nicht
mehr, wie oft wir auf dem Boden lagen - aber es war sehr oft. Ein
greller Heulton nach dem anderen sauste uns um die Ohren. Mein Vater
lobte uns immer wieder, wie gut wir die Sache machten, und ich war
sehr bemüht, ihn nicht zu enttäuschen, das war wohl lebensrettend.
Das Fallenlassen beherrschten wir bei der Ankunft im Stollen aus dem
Effeff, und ich war richtig stolz, so eine Abenteuerwanderung erlebt
zu haben. Daher konnte ich auch nicht begreifen, dass meine Mutter
schluchzend auf unserem Luftschutzbett zusammenbrach. Während
mein Vater die Mutter beruhigte, kam von den Höhlenbewohnern,
die sich alle schon viel früher in Sicherheit gebracht hatten,
der berechtigte Vorwurf: "Warum kommen Sie denn auch so spät!"
Wie wir nachher erfuhren, war zur selben Zeit in der Zipperstraße
der holländische Geselle unseres Nachbarn Bäcker Schild
von Granatsplittern tödlich getroffen worden. Meine Mutter hatte
noch unmittelbar vorher mit ihm gesprochen und ihm geraten, in den
Keller zu gehen.
Im Steinbruchstollen waren 36 Schutzsuchende zusammengekommen. Die
meisten hatten Betten, Matratzen, Pritschen oder Sessel und Liegestühle
mit nach oben geschleppt. Unsere Familie mit zwei doppelstöckigen
Luftschutzbetten, die etwa in der Mitte des Stollens zu beiden Seiten
des Ganges aufgestellt waren, konnte vier Personen auf engstem Raum
unterbringen. Meine Eltern schliefen in den unteren Betten, mein Bruder
und ich im ersten Stock. Eine größere Nische in der Wand
neben meinem Bett bot Platz für unsere Rucksäcke.
Bis eine große Pritsche fertiggestellt war, die die Männer
aus Buschholz zusammennagelten, hatten einige Mitbewohner keinen Schlafplatz.
Meine Mutter bot einem jungen Mädchen, die ihr Pflichtjahr bei
uns absolviert hatte, an, bei mir im Bett zu schlafen. Ich fand die
Idee ganz lustig, und so lag ich zur Wand hin mit dem Kopf in Richtung
Ausgang, Christel zum Gang hin den Kopf in Richtung Eingang, jeweils
die Füße der anderen waren unsere direkten Kopfnachbarn.
Aber auch auf der neuen Lagerstatt musste wegen Überfüllung
dicht an dicht geschlafen werden; "löffelchensweise"nannten
sie das. Wenn sich einer umdrehen wollte, mussten sich alle anderen
mitdrehen. Es gab immer soviel Lachen und Geschwatze auf diesem Lager,
dass ich neidisch hinüberblickte und am liebsten mein komfortables
Bett gegen einen Platz auf der Pritsche getauscht hätte.
Die Behelfsküche für unsere Familie war ein Spirituskocher
und ein Kerzenleuchter mit aufgesparter blauer Kerze vom Winterhilfswerk
auf einem Holzhocker. Um zu sparen, wurde die Kerze nur selten und
kurz angezündet, es war also meistens dunkel in der Höhle.
Manchmal profitierten wir auch vom Schein anderer Kerzen. Nur im Notfall
spendete eine Taschenlampe Licht. Meine Mutter kochte des öfteren
Suppe, Magermilchsuppe zum Beispiel. Sie musste ständig gerührt
werden, sonst brannte sie wegen des geringen Fettgehaltes der Milch
schnell an, und das schmeckte ekelhaft. Manchmal wurde die Suppe außer
mit Grieß oder Haferflocken auch mit eingemachten Früchten
aus dem eigenen Garten angereichert, dann schmeckte sie besser. Oder
es gab Kartoffelsuppe, die mehr nach Wasser als nach Inhalt schmeckte.
Für die Ernährung musste täglich Nachschub herangeschafft
werden. Zwei Stunden am Vormittag herrschte Feuerpause, das bedeutete
für alle Erwachsenen, die noch gut zu Fuß waren, auszuschwärmen,
um Lebensmittel und Wasser zu holen. Das Wasserholen war abwechselnd
den Männern zugeteilt. Mit Eimern und Kannen holten sie das Wasser
von Pumpen, Quellen oder Brunnen auf dem Büchel oder an der „Rötsch“;
die kommunale Wasserversorgung war eingestellt. Das kostbare Nass
durfte nur zum Trinken, Kochen und Zähneputzen verwendet werden,
Waschen war Luxus und ausdrücklich in der Höhlenordnung
untersagt.
Beim Wasserholen bewährte sich vor allem Bruno, ein italienischer
Fremdarbeiter. Er war ein gleichberechtigtes Mitglied der Notgemeinschaft.
Einmal kam Bruno vom Wasserholen zurück, leichenblass und mit
leeren Eimern. Direkt neben ihm war eine Granate eingeschlagen. Auch
die Frauen hatten ihre Aufgabe: Sie mussten vor den Geschäften
Schlange stehen.
Meine Eltern wechselten sich ab bei der Versorgung der Familie, aber
meistens war es mein Vater, der in unserem Haus in der Zipperstraße
nach dem Rechten sah, Nahrungsmittel aus den eigenen Kellerbeständen
und zuweilen auch ein wenig Spielzeug mitbrachte. Vor allem freute
ich mich, als ich endlich meine Lieblingspuppe Maria in den Armen
halten konnte. Mein Bruder bekam eine Wehrmachtstaschenlampe, die
auf rotes und grünes Licht umgestellt werden konnte. Wir Kinder
hatten ja viel Zeit, als Versorgungstruppe oder Wasserträger
waren wir noch zu klein, und so nutzten wir die beschussfreie Zeit,
um etwas im Wald herumzustöbem. Während der übrigen
Zeit mussten wir alle im Bunker ausharren, es sei denn, jemand musste
dringend. Ach ja, die Toilette: eine sehr wichtige Einrichtung einige
Meter links vor dem Eingang der Höhle, ein sogenannter Donnerbalken
aus Holzstangen und nach allen Seiten offen, eine zugige Angelegenheit.
Am 8. März, 20.20 Uhr, wurde die Bonner Rheinbrücke gesprengt,
um den Übergang der amerikanischen Truppen auf die rechte Rheinseite
zu verzögern. Auch das erlebten wir vom Steinbruchstollen aus.
Am 19. März war Josefstag; bekanntlich wurde im katholischen
Rheinland der Namenstag höher eingestuft als der Geburtstag und
daher auch gebührend gefeiert. Im Stollen gab es einige Männer,
die auf den Namen Josef getauft waren. In der Oberkasseler Brauerei
wurde an diesem Tag wegen des bevorstehenden Einmarsches der Amerikaner
das Schnapslager der Wehrmacht aufgelöst und Restbestände
an die Bevölkerung verteilt.
Man musste entscheiden, wie man die zwei Stunden beschussfreie Zeit
nutzte: Essen oder Schnaps. Josef K., das Namenstagskind, hatte sich
für letzteres entschieden. Zwei Männer schleppten ihn zu
guter Letzt als Schnapsleiche aus dem Stollen und legten ihn in eine
Erdmulde in der Nähe. So weiß und leblos hatte ich noch
nie einen Menschen gesehen. In diesem Augenblick kam meine Mutter
herauf, sie hatte sich beim Besorgungsgang etwas verspätet, sah
Herrn K., stieß einen Schrei aus, stürzte in den Stollen
und rief: "Draußen liegt ein Toter!" Gelassen und
schmunzelnd bekam sie zur Antwort: "Och, dat ist de K., der schläft
da seinen Rausch aus“.
Es waren schon sonnige und warme Frühlingstage, als am 19. März
Oberkassel von den Amerikanern eingenommen wurde. Von der Kuppe aus
konnten wir die amerikanischen Truppen beobachten, die vom Rhein kommend
am Oberkasseler Friedhof vorbeizogen. Jetzt konnte es nicht mehr lange
dauern, unsere Tage im Bunker gingen zu Ende. Vorsichtshalber wurde
schon die weiße Fahne gehisst. Ich ging mit meiner Puppe auf
dem Arm vor dem Bunker spazieren, und da sah ich sie plötzlich:
meine ersten amerikanischen Soldaten mit Tarnnetzen am Helm, Maschinenpistolen
im Anschlag, die direkt in meine Richtung zielten; in Panik lief ich
zurück. Nach meinem aufgeregten Bericht nahm meine Mutter ein
weißes Handtuch, meinen Bruder und mich an die Hand, ging mit
uns bis an den Rand des Plateaus und schwenkte das weiße Tuch.
Sofort senkten die Soldaten ihre Gewehre, zwei lösten sich aus
der Gruppe und kamen zu uns den Berg heraufgekraxelt. Einer der beiden
hatte sich beim Klettern am Knie und im Gesicht verletzt und blutete,
das tat mir schrecklich leid und ich musste immer auf die Wunde am
Knie starren. Er war durstig und bat um Wasser.
Inzwischen hatten sich weitere US-Soldaten dem Stollen genähert.
Unser Fremdarbeiter Bruno bemerkte aus aufgefangenen Gesprächsfetzen
der Amerikaner, dass einer von ihnen italienischer Abstammung war.
Er sprach ihn auf italienisch an, sodass sie sich als Landsleute erkennen
konnten. Freudig fielen sie sich in die Arme und drückten und
küssten sich. Nun war die Situation entspannt, und wir konnten
unseren unfreiwilligen Aufenthalt im Bunkerstollen beenden. Nie wieder
habe ich so eine Einigkeit und Hilfsbereitschaft erlebt.
Am nächsten Tag kehrten wir wieder in unser Haus in der Zipperstraße
zurück. Es war unberührt, hatte aber erheblich unter Beschuss
gelitten.
Unser erster Besuch galt der Großmutter, für die der Aufstieg
zum Stollen zu beschwerlich gewesen wäre. Deshalb blieb sie im
Keller des Lippeschen Landhauses, wo die ältere Tochter mit ihrem
Mann die Verwaltung führte.
Auf dem Weg dorthin sah ich den ersten toten deutschen Soldaten. Er
lag mit dem Rücken an die Mauer gelehnt gegenüber dem Kinkeldenkmal,
die Beine auf dem Bürgersteig, sodass wir über ihn hinwegsteigen
mussten. Er war kurz zuvor beim Einmarsch der Amerikaner ums Leben
gekommen. Tagelang hat er dort gesessen, bevor er endlich auf dem
Oberkasseler Friedhof beerdigt werden konnte.